COVID-19 (Coronavirus)


 

Von Märkten, Weisheit und Werten:

Vom Philosophen Sokrates wird erzählt, dass er täglich mit seinen Schülern den Markt der Stadt besuchte. Doch er kaufte nie etwas. Das ärgerte die Händler. Sie hielten es für geschäftsschädigend, dass der bekannte Philosoph ihre Waren verschmähte. 

Eines Tages fragten sie ihn: „Warum kommst du täglich auf den Markt und kaufst doch nichts?“

Sokrates soll geantwortet haben: „Weil ich mich jeden Tag daran erfreue, dass es so viele Dinge gibt, die ich alle nicht brauche.“

Philosophen sind „Freunde der Weisheit“ – das ist ihre Berufsbezeichnung, wenn man so will. Ich könnte mir denken, dass in diesen Tagen viele von uns zu Philosophen werden. Neben die praktische Klugheit, die wir täglich brauchen, tritt nun auch wieder die Weisheit deutlicher ans Licht. Dass wir nicht alles brauchen, was uns angeboten wird, das wussten wir auch schon in den Zeiten vor den Beschränkungen, die diese Wochen mit sich bringen. Aber solche Weisheiten verkündet man leicht, wenn man am Ende doch konsumieren kann, was man möchte.

Jetzt merken wir, dass hinter der Erkenntnis, dass es viele Dinge gibt, die wir nicht brauchen, mehr steckt, als eine philosophische Allerweltsweisheit. Langsam entdecken wir wieder, dass es zur Freiheit und Würde von uns Menschen gehört, dass wir Besitzer der Dinge sind und nicht andersherum die Dinge uns besitzen sollten.

Wir müssen uns von Dingen nicht abhängig machen, sondern die Dinge sind dazu da, uns zu dienen. Wenn sie anfangen, uns zu beherrschen, haben wir unsere Freiheit verloren. Wem diese Weisheit fehlt, der wird an den kommenden Wochen verzweifeln.

Jesus hat immer wieder darauf hingewiesen, dass wir uns davor hüten müssen, uns von den Dingen besitzen zu lassen: „Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“ (Mt 19,24). Damit bringt Jesus auf den Punkt worum es geht. Leben in Freiheit ist nur möglich, wenn ich mich nicht besitzen lasse von Dingen, die ich nicht wirklich brauche.

Es wird in diesen Tagen auch wieder deutlich, dass es nicht Dinge sind, die wir brauchen, sondern Einstellungen, gelebte Werte: Hilfsbereitschaft, Achtsamkeit und Rücksichtnahme, Geduld, Hoffnung, Glaube. Die Reihe ließe sich noch fortsetzen. 

Auch das ist nichts Neues: das wussten wir alles auch vor Corona schon. Aber wir haben alle diese Werte vielleicht manchmal zu wenig geschätzt und gepflegt. 

Sokrates war ein Freund der Weisheit. In diesem Sinne wünsche ich uns in den kommenden Wochen viel Liebe zur Weisheit. Zu finden ist diese Weisheit bei Jesus. Schauen Sie doch einfach mal nach im Neuen Testament, wenn Sie Zeit haben. 

 

Ihr 

Pfarrer Dieter Zitzler

Bildquelle: Pixabay 


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